Dies Domini – Erster Adventssonntag, Lesejahr A
Es ist wieder Advent. Alle Jahre wieder rufen nicht wenige zur Besinnung auf; der Advent sei eben eine stille Zeit. Andere hingegen erfreuen sich am Trubel der Weihnachtsmärkte und eilen durch die Innenstädte (oder die digitalen Highways), um am Heiligen Abend im Kreis der Liebsten nicht mit leeren Händen da zu stehen. Weil beides so nicht zusammenpasst, bemühen sich viele Verfechter einer selbsterdachten adventlichen Spiritualität, Tipps zur Ruhe in der Hektik zu geben – Tipps, die viele gar nicht benötigen, weil sie einfach die schöne trubelige Vorweihnachtszeit genießen wollen. Wo steht eigentlich geschrieben, dass der Advent eine Zeit der Ruhe sein muss?
Tatsächlich scheint der Advent eher eine Zeit der Ambivalenz zu sein. Vom seiner Prägung her ist er in der Tat eine Zeit der Vorbereitung auf das Fest der doppelten Ankunft Jesu Christi: Zum einen der Vergegenwärtigung seiner Geburt, zum anderen aber auch seiner erhofften Gegenwart. Dementsprechend sind die biblischen Texte in der Adventszeit auch von Aufrufen zur Wachsamkeit geprägt, zum Aufbruch, zur Eile. Ist das nicht bemerkenswert? Während immer wieder bis zur Besinnungslosigkeit zur Ruhe gemahnt wird, singen die adventlichen Lieder und Texte von Aufbruch und Tatkraft – und das nicht selten in scheinbarer Widersprüchlichkeit.
Betrachtet man etwa die biblischen Lesungen vom 1. Adventssonntag, so beschreibt die 1. Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja eine große Friedensvision:
„Der Berg des Hauses des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des Herrn von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des Herrn.“ (Jes 2,b2-5)
Das sind wunderbare Worte, die in Zeiten wie den gegenwärtigen der Seele schmeicheln. Während an vielen Orten in der Welt Krieg herrscht und die Gesellschaften von vielfältigen Krisen herausgefordert werden, scheint hier doch die einfache Lösung im Willen Gottes vor Augen zu stehen: Einfach die Schwerter zu Pflugscharen umschmieden, dann wird alles gut – oder etwa nicht?
Nun, man muss schon genau hinschauen, denn der großen Vision gehen die Worte
„Am Ende der Tage wird es geschehen …“ (Jes 2,2a)
voraus. Bis die große Friedensvision eintritt, muss einiges geschehen. Davon spricht die 2. Lesung – und das aus einer völlig anderen Perspektive:
„Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts! Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht! Vielmehr zieht den Herrn Jesus Christus an.“ (Röm 13,11b-14a)
Während Jesaja in einer Vision in eine in der Zukunft durch Gott hergestellte Vervollkommnung der Welt blickt, schaut Paulus in die Gegenwart:
„Das tut im Wissen um die gegenwärtige Zeit!“ (Röm 13,11)
Alles hat offenkundig seine Zeit – aber die Zeiten sind miteinander verwoben. Damit die endzeitliche Friedensvision Wirklichkeit werden kann, muss der Mensch in der Gegenwart mitwirken und seinen Teil dazu beitragen. Damit man irgendwann die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen zu Winzermessern umschmieden kann, muss man in der Gegenwart die Waffen des Lichtes annehmen. Ja, die Sprache ist martialisch. Um die Herausforderungen der Gegenwart mit ihren Krisen und Kriegen bestehen und bewältigen zu können, muss man kämpfen – aber eben nicht mit den Waffen der Dunkelheit, sondern denen des Lichtes. Christsein ist mehr als fromme Besinnung. Christen sind Menschen der Tat. Sie wirken mit am Aufbau des Reiches Gottes – und dazu gehört bisweilen auch, sich den Fürsten und Mächten, die das Dunkle wollen, in den Arm zu werfen. Darin würden sie Noah nachahmen, der dem Bösen in der Welt getrotzt hat, in dem er nicht bloß fromm wartete, sondern mit den Händen eine Arche baute.
Alles hat also seine Zeit. Der Advent ist keine Zeit des Wartens, sondern der Wachsamkeit und des Aufbrechens. Ausruhen können wir immer noch, wenn das Werk vollendet ist.
Dr. Werner Kleine
Author: Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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